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Komparatisten des Glücks

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P. Sloterdijk / P. Pantel:

Über Mangelfiktionen, Reichtumsmärchen und die Politik der Großzügigkeit

Herr Sloterdijk, wir haben zum Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit, Armut und Wohlstand Interviews geführt mit Wirtschafts- und Sozialexperten, Zukunftsforschern und Literaten, mit Peter Glotz zum Beispiel, Alexander Kluge und Hans-Olaf Henkel – allesamt eher unabhängige Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen. Die Interviewpartner kommen nicht unmittelbar zusammen, sondern erst über ihre Aussagen in den Köpfen der Leserinnen und Leser, die jetzt idealerweise das Gespräch fortführen. Zum Abschluss der Gesprächsreihe würden wir das Thema gern aus philosophischer Sicht betrachtet wissen. An Sie hatten wir gedacht, weil wir in Ihrem neuesten Buch „Sphären III. Schäume“ im Kapitel „Auftrieb und Verwöhnung. Eine Kritik der reinen Laune“ spannende Zusammenhänge mit unseren Fragestellungen sehen.

Ein Art „Kolloquium der Abwesenden“ also. Nun, wo Sie die Namen nennen: Glotz hat ja nie aufgehört, die Grundfrage der Linken nach der Herstellung des sozialen Zusammenhangs durch Arbeit und der Teilung und Umverteilung ihrer Ergebnisse zu stellen. Und auch Kluge ist nie müde geworden, nach der List der Vernunft in ihren mehr oder weniger mikroskopischen Formen zu fragen. Nicht nach der ganz großen göttlichen Vernunft, sondern nach der List der kleinen Leute und ihrer Lebensstrategien, wobei er den marxistischen Begriff der Basis außerordentlich anreichert, insofern als der ganze soziale Untergrund mit einem Male wimmelt von listenreichen Odysseus-Figuren. Hier kommt auch die Geschlechterfrage stark ins Spiel, denn die List ist nicht nur grammatikalisch weiblich.

Was Henkel angeht, sehe ich in ihm seit langem als eine ziemlich scharfkantige Figur, deren Position durch einen gewissen Anarchismus geprägt ist, denn Henkel geht vom Unternehmer aus und nicht vom Bourgeois. Unser Problem in der Bundesrepublik ist ja die Rückkehr des Bourgeois, des Rentiers, des unproduktiven Fressers als Massenerscheinung, ein Phänomen, das übrigens auch in der Form des kleinen Sparers und Börsenspielers allgegenwärtig geworden ist. Man muß diese Klasse der unpolitischen Goldsucher ernst nehmen: Das sind all diejenigen, die der ökonomischen Utopie der Moderne huldigen und sich von einem gefährlichen und unwiderstehlichen Märchenmotiv beherrschen lassen, dem Traum vom leistungslosen Einkommen. Das wäre ein Thema, über das ich gern mal mit Alexander Kluge ein Gespräch führen würde: Inwiefern die sogenannte Gesellschaft ein märchenerzählendes Kollektiv darstellt, dessen zentrales Wirtschaftsmärchen der Fortunatus-Traum vom Gratiseinkommen ist, das dir feenhaft durch die Fortuna persönlich ausgehändigt wird, bzw. deren moderne Nachfolgerin, die Lottofee. Durch solche Glücksrenten soll der lange Weg vom Wunsch zum Erfolg und zur großen Freiheit mit magischen Methoden abkürzt werden: „Ich erwachte eines Morgens und war reich!“

Aber dieses Motiv wird doch fast ausschließlich in der Boulevard-Presse gepflegt – in Wahrheit sind wir meilenweit davon entfernt!

Im Gegenteil! Auf der Traumebene – und Träume sind etwas sehr Reales – waren wir noch nie so sehr im Griff solcher Märchenmotive wie jetzt. Das Kollektiv (oder wie man die sogenante Gesellschaft sonst nennen will) als solches leidet im Moment an der thematischen Oberfläche natürlich unter all den Erfahrungen, die mit der Herstellung der Empfindung von Knappheit zu tun haben. Man darf aber keinen Augenblick lang vergessen: Knappheit ist ein interpretiertes Gefühl. Dass wir heute in der reichsten Gesellschaft aller Zeiten leben und von dem Gefühl der Knappheit so tyrannisiert werden wie kaum eine soziale Gruppe je zuvor, das ist ein Sachverhalt, der viel zu selten untersucht wird. Die heute herrschenden Mangelgefühle sind hergestellte, halluzinierte und redigierte Mangelgefühle, erzeugt in einer Art sozialdemokratisch-neokonservativen Fabrik der Knappheitsträume. Die Hauptagenturen in diesem „Armuts-Hollywood“ sind die Medien, die Gewerkschaften, die Unternehmerverbände, die Krankenkassenbonzen und die Kulturschaffenden, also all diejenigen, die mit der Hervorrufung und Interpretation der kollektiven Reichtums- und Armutsgefühle befasst sind. Sie alle sind zur Stunde dabei, uns mit einem neuen Genre von Armutsfilmen zu agitieren.

Nahezu alle Zeitgenossen, ob sie publizieren oder nicht, fahren in diesem Mangeltheorie-Karussell mit, während die realen Aussteiger, sozusagen der harte Kern der Toskana-Fraktion, oder die, die gleich in Kreta geblieben sind oder von ihrem Spanien-Urlaub nicht mehr heimkamen, sich hüten, in solche Themen einzugreifen. Nur einige bekannte Interventionisten, die zwischen dem dolce vita und der heimischen Misere pendeln, lassen sich hin und wieder aus Italien einfliegen, um in Deutschland mahnend ihre Stimme zu erheben. Früher sprach man von einer „jeunesse dorée“, heute ließe sich von einer „critique dorée“ sprechen, einer goldenen Kritik, geäußert von den Verbandssprechern der Wohlversorgten.

Wenn die Wirklichkeit so ganz anders aussieht als gemeinhin angenommen wird, also viel weniger wirklicher Mangel herrscht als die meisten meinen – und Sie schreiben ja, dass das „Hauptereignis des 20. Jahrhunderts im Ausbruch der affluent society aus den Realitätsdefinitionen der Armutsontologie“ bestanden habe – wieso findet dieses Hauptereignis so wenig Beachtung?

Weil der Betrachtungspunkt, von dem aus man sieht, was wirklich geschehen ist und weiter geschieht, gar nicht so leicht zu finden ist. Man erreicht ihn wahrscheinlich nur durch ein psychisches Training, mit dem man sich von der Daueragitation des Mangels und seiner Interpreten distanziert. Früher fuhr man vielleicht für ein Jahr nach Indien oder in andere Teile der Welt, wo man echte Mangelsituationen beobachten kann. Es gibt im übrigen zur Zeit sehr aktive Gruppen in Europa, die versuchen, eine spezifisch europäische Verantwortung für Afrika zu artikulieren. Das halte ich für sinnvoll, unter anderem deswegen, weil die Maßstäbe bei uns selbst sich erst wieder herstellen, wenn man den echten Kontrast begreift. Das kollektive Gefühl des Maßstabsverlustes ist für Deutschland besonders typisch. Hier herrscht ein alles durchdringendes Klima des falschen Selbstlobs und der falschen Klage, wobei die beiden Systeme mühelos ineinander greifen: „Eigentlich sind wir gar nicht so schlecht, und doch sind die Umstände unvergleichlich furchtbar.“

Aber gerade jetzt hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung einen „Armutsbericht“ veröffentlicht. Danach lebt jeder achte Deutsche unterhalb der Armutsgrenze, definiert als „weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens“. Im Vergleich zu vielen Menschen in Indien oder Afrika geht`s denen natürlich trotzdem gut, sie brauchen keinen Hunger zu leiden – aber in Relation zur Mehrheit in Deutschland geht`s ihnen eher schlecht. Also: Armut und Mangel kann man ganz unterschiedlich definieren.

Sicher, und die Relativität dieser Definition ist genau das, was wir in unseren Sprachstilen systematisch unsichtbar machen. Wie gesagt, werden wir üblicherweise erst durch die Begegnung mit der absoluten Armut wieder an den eigenen Wohlstand erinnert. Ich meine aber: Wir müssen versuchen, auch innerhalb des Systems den Maßstab wiederzufinden, und zwar an der Stelle, wo wir selber leben. Wir können nicht alle auffordern, Aussteiger zu werden, nur um den externen Blick auf die eigene Welt zu bekommen. Wir können nicht von jedem Menschen verlangen, dass er seine Lebensumstände so betrachtet, als käme er vom Mars. Menschen sind nun einmal immer schon eingebettet in ihre eigenen Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten und nehmen das Naturrecht auf Naivität für sich in Anspruch. Aber auch unter diesen Bedingungen läßt sich ein Ansatzpunkt für die Entwicklung eines angemessenen Lagebewußtseins gewinnen – denn Dasein heißt unweigerlich immer auch Sich-Vergleichen. Wir sind dank der modernen Medien allesamt zu Komparatisten des Glücks und des Unglücks geworden. Die existenzielle Komparatistik ist inzwischen unsere erste Natur. Tendenziell geht es bei homo sapiens immer so zu, dass er ein Auge auf die Glücklicheren und ein Auge auf die Unglücklicheren wirft und dann versucht, die Mitte einzunehmen – es sei denn, man hat einen Grund, sich für eine Ausnahme zu halten und eine Lizenz zu besitzen, glücklicher-als-Andere zu werden, oder man hat einen Grund, sich mit den Unglücklicheren intensiver zu verbünden, als man es üblicherweise tut, beispielsweise wenn man einer Erlösungsreligion anhängt, in der die Figur des Samariters verinnerlicht wird, oder wenn man sich zu einer sozialistischen Solidaritätsreligion bekennt. Im Katholizismus des 20. Jahrhunderts, in der Bewegung des Arbeiterpriestertums, hat man etwas derartiges beobachtet: Junge Männer aus gutem Hause sind ohne Soutane in die Arbeiterviertel gezogen, um das Leben der Ärmsten und Bedrücktesten zu teilen. Sieht man von diesen Extremen ab, sind durchschnittliche Menschen Komparatisten, die sich in der Mitte zwischen Unglück und Glück einpendeln.

Aber wir haben fünf Millionen Arbeitslose in Deutschland. Sie würden doch nicht zu denen hingehen und sagen: Dir geht`s ja gar nicht so schlecht verglichen mit einem Teppichknüpfer in Bangladesch, also sei mal zufrieden! Geht es nicht eher darum, dass Arbeitslose ihre Perspektive ändern, dass sich aus dieser neuen Sicht der eigenen Situation auch Chancen ergeben könnten für ein anderes Leben?

Das ist eine alte Debatte. Carl Friedrich von Weizsäcker hat schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert gesagt: Arbeitslosigkeit, so wie wir sie interpretieren, ist ein Ergebnis unserer Unfähigkeit, eine Errungenschaft positiv zu deuten. Und um eine Errungenschaft handelt es sich wirklich, wenn es uns gelungen ist, Arbeit zu reduzieren. Seit es die Arbeit gibt, existiert auch das Märchenmotiv von der Abschaffung der Arbeit – nicht des tätigen Lebens, wohlgemerkt! Die schwere Arbeit im Sinne von labor improbus, wie es bei den Römern hieß, also die Schinderei, die Knochenarbeit, die physische Entfremdung, die dadurch entsteht, dass der Mensch neben dem Pflügeochsen und dem Pferd als Kraftmaschine gebraucht wird: das ist über Jahrtausende der dunkle Punkt der conditio humana gewesen. Hiervon hat sich die moderne Ziviliation durch ihre Maschinenkultur und die modernen Formen der Arbeitsteilung fast ohne Rest emanzipiert. Die einzigen Menschen, die sich heute muskulär anstrengen, sind Körperkünstler oder, wie man sagt, Sportler. Wenn Muskeln noch beansprucht werden, dann unter einem artistischen oder künstlerischen Vorzeichen, einfach weil der Sport, wenn er auf einer bestimmten Ebene betrieben wird, genauso wie ein Kunstwerk um des Zeigens willen betrieben wird. Sportler sind Schauspieler der körperlichen Performance.

Warum ist es denn bislang nicht gelungen, die durch die Maschinenkultur frei gewordene Zeit, also „Arbeitslosigkeit im positiven Sinne“, sowohl gesellschaftlich als auch individuell anders zu deuten und zu nutzen? Im Gegenteil, es gibt, wie Sie formulieren, den „Terror der Arbeitslosigkeit, der sich als Nichts-zu-tun-Haben“ zeigt. Warum gibt es keine sinnvollere Lösung?

Es gibt keine Lösung, weil der Arbeitslose als ein Mängelwesen beschrieben wird. Der Arbeitslose empfindet sich nicht als ein Arbeitsfreier, er wird durch seine Arbeitslosigkeit nicht zum Herrn, sondern zum Sklaven, zum Almosenempfänger, zum Beraubten, ja im Grunde genommen zu einem Kranken. Arbeitslosigkeit, so wie wir sie interpretieren, ist eine soziopathische Situation, in der dem Menschen die wichtigsten Aspekte der ökonomisch gedeuteten Menschenwürde geraubt werden: Ihnen wird die Genugtuung entzogen, ihre Selbsterhaltung aufgrund eigener Arbeit zu sichern. Tatsächlich finden sich Arbeitslose in einer wenig beneidenswerten Lage, solange sie umzingelt sind von einer Kultur, die das selbsttätige Leben als Lohnabhängigkeit definiert. Wenn dann der Arbeitsplatz fehlt, scheint mit einem Mal alles zu fehlen.

Die härtesten Aussagen zu diesem Thema findet man übrigens schon sehr früh, bei Hannah Arendt, die in ihren Buch „Vita activa. Vom tätigen Leben“ eine radikal-snobistische Interpretation der Arbeitslosigkeit vorgetragen hat. Dort findet man eine sehr anspruchsvolle, sehr nostalgische und ziemlich fatale Theorie des Menschen als einem aktiven Lebewesen. „Vita activa“, das will besagen: Der Mensch kennt die Welt durch drei Arten und Weisen des Aus-sich-Herausgehens: das Handeln, das Herstellen und das Arbeiten. Was das im einzelnen bedeutet
kann ich hier nicht erklären, aber die Pointe läßt sich leicht widergeben: Wenn die Moderne dazu tendiert, das Handeln, sprich die Politik, zu eliminieren, und das Herstellen auf die Maschinen zu übertragen, so bleibt für die große Mehrheit der Menschen nur das Arbeiten als dominierender Lebensinhalt übrig. Und wenn dann einer Arbeitsgesellschaft, die essentiell eine Banausengesellschaft ist, auch noch die Arbeit ausgeht, so entsteht ein Restmensch, ein unpolitischer Höhlenbewohner, ohne Kunst, ohne Bildung, und zuletzt auch ohne Job. Das ist Hannah Arendts Befund aus den fünfziger Jahren: die moderne “Gesellschaft” als ein Konglomerat aus tragischen Banausen. Wir hatten ein halbes Jahrhundert Zeit, um zu beobachten, wie sich diese prophetische Formel von der Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht, mit Inhalt gefüllt hat.

Aber ich glaube, dass wir heute an einer Wende stehen. Der Unterschied zwischen Nicht-Arbeitsbesitz und Arbeitsbesitz, zwischen den Arbeitslosen und den Anderen, verwischt sich mehr und mehr, und zwar aufgrund des Phänomens der so genannten Freizeitgesellschaft, in der mehr und mehr in Teilzeit oder in Kurzarbeitswochen gearbeitet wird und in der große Zahlen von Menschen dazu verurteilt sind, enorme Guthaben an Freizeit zu interpretieren – ich lasse für den Moment die Hochleistungsklasse beiseite, für die eine 70-oder-80-Stunden-Woche typisch bleibt. Es stellt sich dann die Frage, mit welchen Mitteln diese Menschen ihre luxurierenden Freizeiten gestalten.

Noch mal grundsätzlich gefragt: Was ist dafür verantwortlich, dass Arbeitslose als „Mängelwesen“ angesehen werden, was ist der Mechanismus, das Prinzip, die Kraft, die Menschen, die Interessen dahinter? Oder fehlt es einfach an Ideen?

Ich glaube gar nicht so sehr, das es Ideen sind, die fehlen. Es fehlt an Haltungen. Ideen hätten wir genug, aber die Haltungen, mit denen man solche Ideen durchstehem könnte, lassen sich nicht finden. Wir haben so eine Art Sonntagssozialismus, der hin und wieder rhetorisch heraufzitiert werden kann, aber keinen Solidarismus, der auch werktags funktioniert. Wir kennen eine sonntägliche Beziehung zur Askese und einen werktägigen Konsumismus. Wir sind vertraut mit einem sentimentalen Ausnahmezustand, in dem wir uns mit akut Benachteiligten solidarisieren, denken Sie an die Erfahrungen mit dem Elbehochwasser, aber keine Grundhaltung des Teilens oder der Einbeziehung. Hinzu kommt sicher noch eine aus dem Calvinismus ererbte Überzeugung, die in Ländern wie Großbritannien und den USA mehr als bei uns verbreitet ist: dass jeder das Schicksal hat, das er verdient, so dass eine aktive Umverteilungspolitik, im Sinne der Abschaffung der bitteren Armut, hieße, Gott ins Handwerk zu pfuschen.

Aber glauben Sie nicht, dass es ökonomische Interessen oder Kräfte gibt, die sagen: Da darf sich nichts ändern, das Lohnarbeitsprinzip muss aufrecht erhalten bleiben, sonst bricht dieses System ganz auseinander und das wollen wir nicht.

An dem Argument ist etwas Wahres dran. Man darf nicht vergessen, dass die moderne Gesellschaft, das System im Ganzen, einen Akzentwechsel vollzogen hat vom paternalistischen Staat, also vom Staat, der streng auftreten konnte, zu einem maternalistischen Staat, der zur Verwöhnung verdammt ist. Damit rühren wir an das große sozialpsychologische Abenteuer des 20. Jahrhunderts: die Maternalisierung des Staatszusammenhangs. Er verkörpert sich in den Systemen der Solidarkassen, von denen bekannt ist, daß sie sich nur auf der Grundlage von Lohnarbeit plus Zwangsabgabe betreiben lassen. Hier wird der postmoderne soziale Nexus deutlich: Alle werden zur Verwöhnung aller herangezogen. Dass das spätestens in der zweiten oder dritten Generation zu Paradoxien führen muss, liegt auf der Hand.

Deshalb liegt jetzt eine Stimmung von offener Desolidarisierung in der Luft. Man merkt, dass die aktuellen Beitragszahler durch die nachrückenden nicht mehr entsprechend alimentiert werden können. Man macht sich bewußt, dass im Sozialvertrag immer schon etwas von einer Kettenbriefproblematik enthalten war, was ja auch auf anderen Gebieten verpönt und verboten ist. Dieser Versicherungskettenbrief geht durch die Generationen; je später man in der Empfängerreihe steht, desto sicherer ist man Verlierer. Das ist einer der Gründe, warum ein Abrücken vom Prinzip Lohnarbeit bei uns auf lange Sicht nicht möglich sein wird. Die Liaison von Lohnarbeit und Sozialabgabe bleibt bis auf weiteres der Nerv des sozialen Zusammenhangs. Dies gälte auch dann, wenn man das Schweizer System einer Gesamtumlage der Sozialabgaben übernähme, wo freie Berufe, Beamte, Unternehmer und Arbeitnehmer mit einem Mal indifferent behandelt werden und alle für alle und für alles zahlen. Immerhin bietet das eine interessante Alternative zu den bisherigen Modellen. Sie würde fürs erste zu einer starken Absenkung der Abgaben der Einzelnen führen bei gleichzeitiger Zunahme der Kassenbestände. Ein anregendes Modell, von dem ich freilich nicht weiß, ob es übertragbar ist und wie es sich auf längere Zeit rechnet.

Die Verwöhnung durch den mütterlichen Staat, die „große Allomutter“, wie Sie ihn nennen – was macht sie aus dem Einzelnen, wie verändert sie ihn? Erzieht sie ihn zu Unmündigkeit und Unselbständigkeit?

Diese Formulierung geht zu weit. Wenn man die jungen Leute von heute sieht, sieht man sofort, sie sind nicht wirklich unselbständig, sie sind anspruchsvoll. Und sie sind ungewöhnlich leicht zu beleidigen. Obendrein resignieren sie sehr leicht, etwa im Sinne der bitteren Überlegung: Für alle Halunken gibt`s genug, nur an mir wird gespart. Diese Sicht erzeugt das deutsche Wetter, das landesübliche Grau. Immerhin läßt sich dabei der Traum vom Land, in dem Milch und Honig fließen, weiter träumen. Ich stelle fest, daß das erwähnte Märchenmotiven der Moderne, der populäre Traum vom leistungslosen Einkommen, jetzt an den Börsen angekommen ist. Die berühmtem “Wertpapiere” drücken ja nichts anderes aus als die Idee, daß man für das bloße Kapitalrisiko ein Einkommen erzielt, das man als Risikoprämie definiert. Fortunatus und Taugenichts lassen bestens grüßen.

Allerdings fehlt in den typischen Bereicherungsmärchen der Neuzeit dieser Risikogedanke. Das arme Sterntalerkind wird plötzlich dafür belohnt, dass es ein braves Geschöpf war – es genügt, an der richtigen Stelle zu stehen, wo der Geldregen herunterfällt, und sein Hemd aufzuheben. Fortunatus, der deutsche Wirtschaftsmichel, wird dafür belohnt, dass er sich zur richtigen Zeit im richtigen Wald verirrt hat, wo der der Jungfrau des Glücks begegnen kann, die zu ihm sagt: Sechs Vorschläge habe ich Dir zu machen, und einen Wunsch hast du frei. Willst Du Weisheit, Stärke, Gerechtigkeit, Mäßigung – die klassischen Tugenden – oder ziehst du Gesundheit oder Reichtum vor? Fortunatus ist ideengeschichtlich wichtig, weil er der erste war – seine Geschichte wurde in dem Volksbuch von 1509 niedergeschrieben und unzählige Male neu aufgelegt –, der angesichts dieser Optionen erklärt: Lasst mich mit Euren hohen Tugenden in Ruhe, ich will den Reichtum! Dieser wird ihm gewährt in Form einer Zauberbörse, die jedesmal, wenn man sie öffnet, vierzig Goldstücke enthält in der jeweiligen Prägung des Landes, im übrigen eine perfekte Antizipation des Euro. Bemerkenswert ist nun, daß die Art und Weise, wie das Geld in die Tasche hineinkommt, von dem Besitzer der Börse in keiner Weise erforscht werden muß. Fortunatus, der ökonomische Taugenichts, genießt das Privileg, keine Fragen zu stellen. Die Herkunft des Reichtums muß ihn nicht interessieren. Er braucht nicht in die Produktion zurückzugehen oder in das Steuersystem; er öffnet die Wunderbörse und findet darin immer, was er sucht. Auf der Ebene der Märchenmotive und der Wunschdynamiken wird dieses Fantasma von nachhaltiger Fülle unmittelbar gesetzt und für gültig erklärt, Punkt. Das Geld kommt aus Börse wie der Strom aus der Steckdose fließt.

Kurzum: Der Gedanke an Produktion wird eingespart. Mit diesem Denksparprogramm wird ein Menschentypus erzeugt, der den Rückgang in die Erzeugung nicht mehr leisten muß. Das ist im übrigen einer der Gründe, warum der Marxsche Produzent-Mensch um eine Dimension komplexer war als der heutige Verbraucher. Die Wohlhabenden von heute stehen eher am Konsumpol und wissen keine Antwort auf die Frage, ob sie verdienen, was sie verdienen. Sie wissen auch nicht, wie der Reichtum wirklich entsteht, und sie wollen es auch nicht mehr wissen, da ihnen, als letzten Menschen, die Produktion ebenso gleichgültig ist wie die Reproduktion. Zwar verfügt der heutige Mensch zwar über eine größere Warenkunde – Marx würde vermutlich zusammenbrechen, wenn man ihm im Hotel eine Speisekarte vorlegte, auf der er unter den zehn Arten von Dressing, mit denen man hier den Salat anbietet, wählen soll. Aber keine Angst, er würde schnell lernen, wie ja auch der heutige Konsument schnell gelernt hat, wie man mit der Überfülle von Optionen umgeht. Der versierte Warenkundler der Gegenwart kann zwischen Prada und Nicht-Prada auf einem Blick unterscheiden. Das ändert nichts an der Tatsache, daß er um eine Dimension ärmer ist als der Mensch, der in der klassischen Tradition der politischen Ökonmie gelernt hat, die Frage zu stellen: Woher kommt der Wert? Diese Frage ist jetzt aus dem kollektiven Bewußtsein verschwunden, die Zauberer haben den Produzenten den Rang abgelaufen.

Die „anspruchsvollen Jugendlichen“, die Sie gerade erwähnten, wollen – zu Recht – am „Reichtum“ partizipieren. Aber viele oder die meisten wollen den Reichtum nicht in Form eines Geschenks, sie sind durchaus bereit, dafür zu arbeiten. Ist das nicht die Tragik für viele junge Leute, dass ihnen die Möglichkeiten fehlen?

An welchen Möglichkeiten fehlt es – doch vor allem an solchen, die von Anfang an Sicherheit garantieren. Die Freiheit, sich von jungen Jahren an als Unternehmer zu definieren, bleibt immer gegeben. Nur darf man nicht vergessen: Freiheit ist ein Attribut, das am Individuum haftet! Sie lässt sich vom Einzelnen nicht ablösen, sie läßt sich nicht abstrakt generalisieren! Und wenn auf einen, der von seiner schöpferischen Freiheit Gebrauch macht, 99 kommen, die keinen Gebrauch machen, ist damit das Freiheitsversprechen nicht widerlegt.

Die französische christliche Philosophin Simone Weil – Sie zitieren sie – ist der Auffassung, dass die Einwilligung in das Gesetz, dass die Arbeit zur Lebenserhaltung unentbehrlich sei, der vollkommenste Gehorsamsakt ist, den ein Mensch vollbringen kann, nur vergleichbar mit der Einwilligung in die Sterblichkeit. Wie kann es da sein, dass mitunter der Kauf eines DVD-Players sorgfältiger bedacht wird als die Berufswahl?

Ich zitiere diese Äußerung ihrer Übertriebenheit und Überholtheit wegen. Mir scheint, Simone Weil postuliert hier eine Metaphysik des Proletariers, als ob die Schwere des Lebens und die entfremdete Plackerei ewige Konstanten wären. Damit wird aber das Hauptereignis des 20. Jahrhunderts, der Sieg über die Schwere, verkannt. Die Erleichterungskräfte der modernen Technik haben die conditio humama grundlegend verändert. Wir sind keine Lastttiere mehr, die Ära der Schwerarbeit ist beendet, so wie die Ära der Leibeigenschaft vorbei ist. Simone Weil hat diese Erleichterung nicht reflektiert, vielmehr hat sie anachronistisch eine christliche Metaphysik des Arbeiters formuliert und den „freiwilligen täglichen Tod der Fabrikarbeit“ auf unangemessene Weise heilig gesprochen, als ob auch Christus an der Werkbank stünde bis ans Ende der Welt. Das sind gewiß noble, aber konfuse Ideen, und vor allem obsolete. Die Automatisierung, die Entlastung, die Absenkung der Arbeitszeit, die Sozialversicherung – das alles ist dabei nicht mitgedacht worden.

Wir haben jetzt einen Arbeiter, der eher übergewichtig und muskulär unterfordert ist. Er hat einen hohen Freizeitüberschuß und denkt darüber nach, wie er seine Unproduktivität versteckt. Im Kern der sogenannten produktiven Arbeit findet man noch immer erstaunlich große Hohlräume. Denken Sie daran, wie die Arbeitstage im real existierenden Sozialismus aufgebaut waren: Man mußte nur am Morgen pünktlich zur Stelle sein, danach tat jeder, wonach ihm gerade zumute war. Auch in der westlichen Arbeitswelt gibt es riesige Segmente, in denen es ähnlich zugeht, nicht nur im öffentlichen Dienst. Allgemein dürfte gelten, daß Arbeit immer mit einem Faktor von Arbeitsvortäuschung verbunden ist, inklusive Produktivitäts-, Nützlichkeits- und Unentbehrlichkeitsvortäuschung. Solche Täuschungen stecken im übrigen auch in jedem Produkt, das unser Wirtschaftssystem auf den Markt bringt, denn jede Ware will ja den Käufer überreden, sie zu nehmen, obschon klar ist, daß die Verkäufer es sind, die immer das bessere Geschäft machen – eben aufgrund erfolgreicher Nützlichkeitsvortäuschungen. Von daher sind die jungen Leute, die sich die Anschaffung einer digitalen Kamera oder eines DVD- Players gut überlegen, die Männer und Frauen der Stunde. Sie zeigen, dass sie eines gelernt haben: sie wollen auch als Kunden nicht die Dummen sein, zumindest nicht die Strohdummen. Eine Ware ist ja zunächst einmal immer auch ein Ausbeutungsvorschlag seitens des Herstellers an den Kunden: Kauf mich! Ich nütze dir ein wenig, das ist schon richtig, aber, unter uns gesagt: Ich mache immer das bessere Geschäft. Könnten die Waren ehrlich sein, würden sie genau das sagen. Ich darf in diesem Zusammenhang an Walter Benjamin erinnern, der den Waren allesamt einen Nutten-Diskurs in den Mund gelegt hat. Geht ein potentieller Käufer vorbei, flüstert die Ware zu ihm: „Komm, Kleiner, ich mach dir’s französisch! “ – woraufhin der arme Kunde zugreift. Er ahnt ja wohl, bevor nicht der Messias gekommen ist, entgeht man dem System des ungleichen Tauschs nicht.

In den biedermeierlichen Jahrzehnten, schreiben Sie, durften sich die Verteidiger des Gewesenen zum letzten Mal der Illusion hingeben, man könne sich vor der auflösenden Macht des Fortschritts in Sicherheit bringen. Was meinen Sie – wenn man denn Globalisierung als Fortschritt nimmt: Leben wir in einer postmodernen Biedermeierzeit? 

Ganz sicher. Die Globalisierung hat sozialpsychologisch dort, wo sie erfolgreich ist oder war, besser gesagt, wo sie auf eine längere Akkumulation von Komfortmitteln zurückblickt, einen paradoxen Menschentypus hervorgebracht: den unzufriedenen Zufriedenen. Und genau das ist der Biedermeiermensch und eo ipso der Mensch der Gegenwart in der Metropolen des bequemen Lebens. Nietzsche kritisiert einmal den Schriftsteller und ehemaligen Theologen David Friedrich Strauß als einen rechten „satisfait“. Der Begriff ist nützlich, denn die Deutschen von heute sind im Wesentlichen satisfaits, aber eben unzufriedene satisfaits. Sie sind mit ihrer eigenen Zufriedenheit unzufrieden, weil sie spüren, dass sie damit teilweise unter ihren Ansprüchen an ihr eigenes Leben bleiben. Sie sind existentiell zugleich unterfordert und überfordert. Das ist das sozialpsychologische Resultat der erfolgreichen Errichtung des Komfortsystems in der westlichen oder verwestlichten Welt. Nur in diesem Kontext kann man übrigens den Sinn des Ausdrucks Globalisierung präziser festlegen: Er bezeichnet im Grunde ausschließlich die große Komfortsphäre, in der die westlichen Sozialstaaten und die Neureichen aus den jungen kapitalistischen Ländern leben. Jedermann weiß, daß diese Sphäre umgeben ist von einer trostlosen Außenzone, der planetarischen suburbia. Man stiftet arge Verwirrung, wenn man den Begriff Globalisierung so verwendet, als ob es ein inklusives Weltsystem oder gar eine Weltgesellschaft gäbe.

Ich schlage vor, den Begriff der Globalisierung zu beschränken auf die Geschichte der Herstellung des großen Komfortsystems, zu dem wahrscheinlich nicht mehr als ein Viertel der Menschheit gehört. Daneben gibt es eine riesige Peripherie, deren Bewohner keine Chance haben, je dort hineinzukommen, und eine Semi-Peripherie, für die der Eintritt in das Komfortsystem in greifbarer Nähe liegt, vielleicht nicht in dieser, doch in der nächsten oder übernächsten Generation. Das sind im übrigen die Zonen, in denen die höchste Ehrgeizdynamik wirkt. Man sieht das gegenwärtig bei den neuen Beitrittsländern zur EU: Da sind, wie in semiperipheren Ländern typisch, noch echte Ambitionsdynamiken am Werk, vergleichbar denen, die die heutigen „satisfaits-Europäer“ von den fünfziger Jahren an, durchlebt haben, in jenen glücklichen Zeiten, als die Appetite in einer optimalen Relation zu den Befriedigungsmöglichkeiten standen. Man hat großen Ehrgeiz, man weiß, man muss nur eine Weile hart arbeiten, dann kann man bestellen. Das waren goldene Zeiten, sie werden nicht wiederkehren.

Den eigenen Wohlstand offen zu zeigen, sagen Sie, sei durchaus positiv zu bewerten, doch es müsse noch etwas hinzukommen, wie man es in den USA beobachtet. Dort ist Reichtum ziemlich fest mit der Pflicht zur Wohltätigkeit, mit der Bereitschaft etwas abzugeben, verbunden. Ist das für Sie ein Ideal? Sollte man das auch von den europäischen Unternehmen verstärkt einfordern? Ist die großzügige Einstellung bei uns nicht genug entwickelt?

Absolut! Aber man kann dergleichen naturgemäß nicht fordern, allenfalls fördern. Ich glaube, das ist die größte sozialpsychologische Aufgabe der nächsten Generation. Auch wir müssen daran arbeiten, ein Klima der öffentlichen Großzügigkeit vorzubereiten, in dem nicht immer nur auf den Staat gewartet wird. Wir warten auf eine Praxis ganz normaler Helden der Großzügigkeit, falls Sie diesen Ausdruck erlauben. Wir brauchen mehr Menschen, die überzeugt sind, etwas übrig zu haben, und die es für normal halten, mehr zu geben als die Steuer ihnen nimmt. Das wären Menschen, die aufgrund ihrer Selbsteinschätzung von sich verlangen, viel abzugeben – jenseits des Höchststeuersatzes. Darüber hinaus ist es höchste Zeit dafür, durch die Weiterentwicklung des Stiftungs- und Spendenrechts dafür sorgen, dass ein immer größerer Anteil der Umverteilungssummen intelligentes Geld wird. Denn: Steuern sind dummes, blindes, anonymes Geld, Niemandsgeld. Es fließt in riesenhaften Summen in die Kasse irgendeines Ministers oder Administrators und wird auf mehr oder weniger durchsichtige, aber indifferente Weise über Gerechte und Ungerechte ausgegossen. Stiftungsgeld hingegen hätte die Kraft, diese Summen in intelligentes Geld verwandeln kann, denn sie würden wie präzise Allokationen an einer spezifischen Stelle eingezahlt. Aus dumpfen Beihilfen würden dann kluge Investitionen. Intelligente Geldverwendung – das ist der kategorische Imperativ der Umverteilung, und gegen den wird im gegebenen chronisch System verstoßen. Man muss eine Stimmung der öffentlichen Großzügigkeit erarbeiten, damit nicht ausgerechnet die Wohlhabenden in die Lage kommen, sagen zu müssen: „Wir haben schon gegeben! Wir geben nichts!“ Alle sollen sagen können: „Wir haben schon gegeben, doch wir können noch mehr.” Das wäre das A und O einer Umverteilung, die von Pflicht und Zwang auf Freiwilligkeit und Großzügigkeit umstellt. Natürlich ist dergleichen nur möglich, wenn eine gewisse Euphorie des Reichtums da ist, und diese kann sich im Klima allgemeiner Mangelfiktionen unmöglich entwickeln. Hiervon handelt das dritte Kapitel von „Sphären III“, wo ich von Auftrieb und Verwöhnung spreche. Einige muffige Rezensenten haben das als konservative Absage an den klassischen Sozialstaat gelesen. In Wahrheit ist es eine Reflexion darüber, wie man den Sozialstaat überbieten kann durch das großzügige Gemeinwesen.

Es gilt, das Zerbrechliche besonders zu schützen, sagen Sie. Was wäre in dem Zusammenhang, über den wir gesprochen haben, das Schützenswerte?

Das setzt an zwei Polen an: Das erste Zerbrechlichste ist die Dyade, also der zwischenmenschliche Beziehungsraum, paradigmatisch verkörpert im Mutter-Kind-Feld. Der ist in unserer Gesellschaft im allgemeinen ziemlich gut geschützt. Er ist in unserem Rechtssystem außerordentlich gut eingebettet, und man könnte die letzte Vaterfunktion des Staates darin sehen, dass er die Maternisierung ohne Grenzen garantiert. Man darf nicht vergessen: Der Vater ist, evolutionär gesehen, derjenige, der das Mutter-Kind-Feld schützt. Dieser uralte Pakt zwischen der Männerwelt und der Frauenwelt muß auch in der modernen Welt in geeigneten Formen wiederholt werden. Das Zerbrechlichste in allen bekannten Gesellschaften ist das Mutter-Kind-Feld. Es bildet das utopische Zentrum des Kollektivs und zugleich auch das Wärmezentrum, das anthropogene Strahlungsfeld schlechthin: Wenn das angetastet wird, misslingen die Menschenleben, es entstehen Verrückte und Verwahrloste in großen Zahlen, die “Gesellschaft” zerfällt von innen.

Das zweite Zerbrechlichste ist natürlich das große Ganze selber, das wie ein Schaum gebaut ist. Das ist es, was ich in Sphären III zu zeigen versuche. Will man das System des gemeinsamen Lebens adäquat beschreiben, darf man nicht länger von “stahlharten Gehäusen” reden, wie Max Weber das noch getan hat, sondern von fragilen Gebilden. Die Härtebilder haben ausgedient, man muß jetzt endlich die Metapher wechseln. Mittelalterliche Städte haben sich eine Außenmauer zugelegt, die zu Beginn der Neuzeit ihrer Dysfunktionalität wegen entfernt wurden. Das große Komforttreibhaus, in dem wir Menschen des Westens heute leben, hat keine Stadtmauern mehr. Es ist unbegreiflich offen, mit weichen Grenzen, weswegen es ständig auf Verletzungen gefasst sein muss, ohne seine unentbehrliche Heiterkeit, die sein Betriebsklima ist, zu verlieren. Allerdings kommt jetzt ein Faktor ins Spiel, den man bisher zu wenig beachtet hat. Die hohe Verletzbarkeit des modernen Schaums geht mit einer unglaublichen Elastizität einher, die bewirkt, dass Zerstörungen, Verluste, eingestürzte Häuser, zusammengefallene Korridore binnen kürzester Zeit ersetzt werden. Die eigentliche Lektion des 11. September besteht darin, dass wir kurz nach dem Debakel die Information bekamen: An derselben Stelle wird bald wieder was stehen! Das ist die entscheidende Information, die vom 11. September ausgeht. Die hysterisch-militärische Reaktion, die unter dem stupiden Titel War on terror lief, war politisch opportunistisch und systemisch irreführend. Die wirkliche Information liegt im Prozeß im ganzen: Wenn ein solches Gebäude in sich zusammenfällt, dann bauen wir umgehend ein besseres. Wenn es nach Daniel Libeskind geht, wird das neue auch höher sein als das vorherige.

Also: Man darf die Elastizität des Systems nicht unterschätzen! Zerbrechlichkeit und die Unmöglichkeit des perfekten Schutzes sind zwar ein durchgehendes Merkmal moderner Komfortschäume. Aber weil die “Gesellschaft” eben nicht monolithisch ist, weil soziale Aggregate Gebilde sind, die sich von unten nach oben aus einzelnen Zellen und Schaumblasen aufbauen, verfügen sie über eine enorme Elastizität. Die falsche Semantik der Terrorbekämpfung suggeriert erhabene Bilder vom Einsturz des ganzen Systems. Nichts könnte falscher sein. Wenn zwei große Schaumblasen zerplatzen, vibriert zwar das ganze System eine Weile, aber den übrigen Zellen kann ein solcher Kollaps erstaunlich wenig anhaben. Elastizität ist das erste Merkmal des schaumigen Systems. Folglich muß man über zwei Dinge reden, wenn man über das System der Wohlstandstreibhäuser reden will: Fragilität zum einen, Elastizität zum anderen. Im übrigen bliebe zu untersuchen, ob nicht der Katastrophismus und die Neigung, den neuen Terrorismus mit fabelhaften Überinterpretationen aufzublasen, nur die andere Seite der allgegenwärtigen Neigung zu Mangelfiktionen darstellt.