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Die Revolution der gebenden Hand

Die kapitalismuskritische Linke definiert das Eigentum als Diebstahl. Der größte Nehmer ist aber der moderne Staat. Wir leben in einem steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus – und niemand ruft zum fiskalischen Bürgerkrieg auf. Am Anfang aller ökonomischen Verhältnisse stehen, wenn man den Klassikern glauben darf, die Willkür und die Leichtgläubigkeit. Rousseau hat hierüber in dem berühmten Einleitungssatz zum zweiten Teil seines Diskurses über die Ungleichheit unter den Menschen von 1755 das Nötige erklärt: „Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Das gehört mir!, und der Leute fand, die einfältig (simples) genug waren, ihm zu glauben, ist der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft (société civile).“ Demnach beginnt, was wir das „Wirtschaftsleben“ nennen, mit der Fähigkeit, einen überzeugenden Zaun zu errichten und das eingehegte Terrain durch einen autoritativen Sprechakt unter die Verfügungsgewalt des Zaun-Herrn zu stellen: Ceci est à moi. Der erste Nehmer ist der erste Unternehmer – der erste Bürger und der erste Dieb. Er wird unvermeidlich begleitet vom ersten Notar. Damit so etwas wie überschussträchtige Bodenbewirtschaftung in Gang kommt, …

Versuch über das Leben der Künstler

Text für Sigmar Polke Andersgläubige – Verschwender – Fälle – Einwohner Ausstellungskatalog Sigmar Polke, Stedelijk Museum, Amsterdam 1992 Sie kommen von weit her, aus schwülen Felsendörfern und bösen Marktflecken, wo die Feste verfallen sind und die Verwünschungen regieren. Vor dreitausend Jahren hoben sie zuerst den Kopf, früher als die übrigen. Sie spürten, daß etwas Neues in der Luft lag: anders als alle ihre Vorfahren werden die Menschen in Städten zusammenleben – die Dörfer werden nicht die ganze Zukunft für sich haben. Die seelischen Räume dehnen sich aus, als wollten sie für größere Welten Platz schaffen. Von den Hügeln herab leuchten königliche und bürgerliche Blicke den erweiterten Weltraum aus. Feldherren schauen so und Schamanen, die hinter den Horizont sehen. Noch sind die Städte nicht erbaut, aber in den Augen der Menschen geht schon die Geräumigkeit auf, die sich mit Städten füllen wird. Die Propheten und Gründer wussten es zuerst – von den Städten aus gedacht und gesehen wird die Welt erst das Ganze, Große, Größte werden. In ihren Visionen erscheint ein Menschentypus, den in das neue …