Autor: Peter Sloterdijk

Zeilen und Tage IV – Notizen 2017-2020

600 Seiten • Verlag Suhrkamp (LINK). Dieses Buch ist Teil der Serie «Datierte Notizen». Im Buchhandel erhältlich ab dem 24. November 2026. Inhalt Aus heutiger Sicht erweisen sich die Jahre 2017-2020 als Epochenumbruch, der die alte Welt aus den Angeln hob und eine neue Realität hervorbrachte – eine Zeitenwende vor der Zeitenwende. In seinen Notizbüchern, in die er seit Jahrzehnten jeden Morgen Überlegungen, Episoden und Kommentare zur Gegenwart niederschreibt, begleitet Peter Sloterdijk diese »große Umstimmung« von der ersten Amtseinführung Donald Trumps bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie – mal distanziert, mal mitten im Geschehen. Skeptisch und heiter, schonungslos und weltbejahend taxiert er die Umwälzung etablierter politischer Ordnungen, die neue Faszination für große Staatslenker wie Trump und Macron, betrachtet die Abendstimmung der letzten Merkel-Jahre und die Kraftlosigkeit des Alten Europa. Ob bei einem Festakt zum Reformationsjubiläum, vor einer Versammlung von Anti-Aging-Gynäkologen oder bei der konzentrierten Lektüre, Sloterdijk navigiert durch die medialen Erregungsstürme und lässt die Umrisse eines größeren Zusammenhangs aufscheinen, die für jede Künstliche Intelligenz noch lange außer Sichtweite sein werden. Ein großes Geschenk für alle Mitdenkenden: das …

Frühsommertag in der Provence. Ein Besuch bei dem Maler Paul Vergier. Verloren im zu Schönen

Erschienen in «Paul Vergier “L’espace du manque”» éditions Lord Byron, 2025 Der Blick fällt von der Anhöhe, auf dem Vergiers Bleibe steht, in das weite Tal. Dort unten lehnt sich das hohe Schloß von Grignan wie ein Protest gegen den Absolutismus der Landschaft auf, um schließlich vor der Übermacht des Mont Ventoux am Horizont zu resignieren. Die Sicht entspricht dem, was Immobilienmakler imprenable, unverbaubar, nennen, wenn sie eine Aussicht zugleich mit dem Anwesen an den Mann bringen wollen. Dieser Mann hier läßt sich die Aussicht ins Weite von seinem Hof aus nicht verkaufen. Er ist hier aufgewachsen. Er hat sich während eines gutteils seines Lebens den Blick seines Vaters, eines Bauern, zu eigen gemacht, für den, was er vor Augen hatte, keine erhebende Landschaft war – vielmehr ein Grund zu chronischer Sorge, wenn nicht von Unglück. Die Leute vom Ort wußten nichts von der Sehweise der plein air-Maler und Aquarellisten, die ihre Sorglosigkeit aus den Städten mitbrachten, wenn sie kamen, um ins Offene und Heitere zu schauen. Vergier lebt im Streit mit dem Atemberaubenden seines …

Die Reue des Prometheus

80 Seiten • Verlag Suhrkamp Von jeher muss der Mensch seinen »Stoffwechsel mit der Natur« organisieren. Für Marx war der wichtigste Faktor dabei die Arbeit. Als Prometheus, dem Mythos zufolge, das Feuer auf die Erde brachte, kam ein weiterer entscheidender Input hinzu. Seit Hunderttausenden Jahren wird es genutzt, um Nahrung zu garen und Werkzeuge zu härten. In diesem Sinne lässt sich sagen: Alle Geschichte bedeutet die Geschichte von Applikationen des Feuers. Doch wo Bäume sich vormals nur je einmal verbrennen ließen, verschoben sich die Gewichte der Faktoren Arbeit und Feuer mit der Entdeckung unterirdischer Lagerstätten von Kohle und Öl. Die moderne Menschheit, so Peter Sloterdijk, kann als ein Kollektiv von Brandstiftern gelten, die an die unterirdischen Wälder und Moore Feuer legen. Kehrte Prometheus heute auf die Erde zurück, würde er seine Gabe womöglich bereuen, schließlich droht nicht weniger als die Ekpyrosis, der Untergang der Welt im Feuer. Die Katastrophe verhindern kann nur ein neuer energetischer Pazifismus.