Autor: Peter Sloterdijk

Laudatio auf Götz Werner

Anläßlich seiner Aufnahme in die Hall of Fame des manager magazins, Kronberg im Taunus, 13. Juni 2012 M. D. u. H., wir alle wissen, üblicherweise haben Vergnügen und Ehre verschiedene Termine. Wenn es um Ehrungen und schwerfällige Zeremonien geht, schlägt sich das Vergnügen meist lieber in die Büsche. Heute haben die beiden Empfindungen eine ihrer seltenen Verabredungen. Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen zugleich, vor diesem eminenten Kreis einige Worte zur Würdigung des großen Unternehmers Götz Werner vortragen zu dürfen, den manche Zeitgenossen in der Eile als einen Philanthropen etikettieren. Für alle, die sich mit dem Werk und den Ideen des Laureatus vertraut gemacht haben, liegt freilich auf der Hand, daß das Phänomen Werner mit dem Wort „Philanthropie“ nur oberflächlich bezeichnet ist. In Wahrheit ist Götz Werners Lebenswerk nicht nur ein Zeugnis der Zuneigung zum Menschen, wie das Wort „Philanthrop“ nahelegt – es ist vielmehr die Verkörperung einer Vision, aus welcher der Mensch selbst, als Subjekt und Gegenstand einer tiefreichenden Zuneigung, in seinem Verhältnis zu sich selbst mitsamt seinem sozialen Feld verändert hervorgeht. Doch bevor ich mich der Aufgabe zuwende, einige Worte des Lobes und der Anerkennung für den …

Das 21. Jahrhundert beginnt mit dem Debakel vom 19. Dezember 2009

Im Rahmen der Klimakonferenz in Kopenhagen war der Philosoph Peter Sloterdijk Gast des Louisiana Museums in Humlebæk. Dort hielt er im Rahmen eines Symposiums mit dem Titel „Where do we go from here?“, an dem Künstler, Wissenschaftler und Techniker aus aller Welt teilnahmen, die abschließende programmatische Rede zum Thema Klimawandel. Am Rande des Symposiums fand auch dieses Interview statt, das dann nach dem Ende der Klimakonferenz noch per E-Mail ergänzt wurde. Interviewt hat: Andrian Kreye / Quelle: Süddeutsche Zeitung SZ: Herr Sloterdijk, teilen Sie die allgemeine Enttäuschung über den Ausgang der Kopenhagener Klimakonferenz? Sloterdijk: Ja und nein. Unmittelbar enttäuscht bin ich nur von Barack Obama, da ich nicht geglaubt hätte, er würde es wagen, mit so leeren Händen nach Dänemark zu reisen. Allein von ihm hätte man eine größere Geste erwarten dürfen. Aber da sich alle übrigen Akteure wortgetreu an die Drehbücher des Nationalegoismus hielten, soll niemand behaupten, er sei enttäuscht. Man muss jetzt mehr denn je konstruktiv diabolisch denken und sich sagen, dieses Scheitern war das Beste, was uns passieren konnte. Immerhin weiß man …

Die Revolution der gebenden Hand

Die kapitalismuskritische Linke definiert das Eigentum als Diebstahl. Der größte Nehmer ist aber der moderne Staat. Wir leben in einem steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus – und niemand ruft zum fiskalischen Bürgerkrieg auf. Am Anfang aller ökonomischen Verhältnisse stehen, wenn man den Klassikern glauben darf, die Willkür und die Leichtgläubigkeit. Rousseau hat hierüber in dem berühmten Einleitungssatz zum zweiten Teil seines Diskurses über die Ungleichheit unter den Menschen von 1755 das Nötige erklärt: „Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Das gehört mir!, und der Leute fand, die einfältig (simples) genug waren, ihm zu glauben, ist der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft (société civile).“ Demnach beginnt, was wir das „Wirtschaftsleben“ nennen, mit der Fähigkeit, einen überzeugenden Zaun zu errichten und das eingehegte Terrain durch einen autoritativen Sprechakt unter die Verfügungsgewalt des Zaun-Herrn zu stellen: Ceci est à moi. Der erste Nehmer ist der erste Unternehmer – der erste Bürger und der erste Dieb. Er wird unvermeidlich begleitet vom ersten Notar. Damit so etwas wie überschussträchtige Bodenbewirtschaftung in Gang kommt, …

«Zorn und Zeit»

Peter Sloterdijk, Gratulation zu Ihrem neuen Buch «Zorn und Zeit» – diese Weltgeschichte des Zorns und Ressentiments ist ein grosser Wurf. Zunächst gab es bei mir nur die Intuition, daß sich unter diesen Motiven ein riesige Lagerstättte an Einsichten verbirgt. Sobald sich diese Intuition konsolidiert hatte, schrieb sich das Buch von allein. Der Zorn ist wie Nietzsches „Abgrund“: Je mehr man in hinabschaut, desto fester blickt er zurück. Ihr Buch eröffnet einen Blickwechsel, weg vom Freudschen Eros, der zwar viel erklärte, aber auch große blinden Flecken hinterliess, hin zum Thymos, jener Kategorie, mit der die Griechen vom Stolz der Menschen wie von einer selbständigen Quelle positiver Energien sprachen. Gewiß, wir leben in einer Ära der Blickwechsel. Wir erleben gegenwärtig, wie sich die Bühne dreht, nicht zuletzt auf dem Gebiet der Psychologie, wo sich ein großer Paradigmenwechsel vollzieht, von der Psychoanalyse zur Neurobiologie. Natürlich versucht man auch schon Brückenschläge zwischen zwischen Altem und Neuem, aber das ändert nichts daran, daß man inzwischen auf einem radikal veränderten Spielfeld steht. Meine Hinwendung zum thymotischen Pol der menschlichen Psyche drückt auf ihre Weise ein stark verändertes Epochengefühl aus. Viele Menschen spüren, daß sie Zeugen einer Weltkrise sind. Im …

An der Pforte der Bedeutsamkeit

Philosophie als Zivilisationspädagogik Aus «der blaue reiter» Journal für Philosophie, Ausgabe 25 (1/2008) Herr Sloterdijk, Sie zählen zu den wenigen Philosophen, die auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind. Worauf führen Sie Ihren Erfolg zurück? Um die Wahrheit zu sagen, ich glaube an den Erfolg oder seinen Anschein nur widerwillig oder, wenn Sie wollen, gar nicht. Die kulturelle Konstellation ist nicht mehr so, dass eine literarische oder eine philosophische Stimme, die unverkennbar hochkulturell gefärbt ist, in der heutigen Medien- und Kulturlandschaft wirklich erfolgreich sein kann. Im heutigen Milieu hat das Auseinanderdriften der populärkulturellen und hochkulturellen Felder ein solches Maß an Entfremdung zwischen den Bereichen hervorgerufen, dass es Grenzgänger kaum noch geben kann. Ja, dass überhaupt noch eine Art Verkehr stattfindet, ist schon das Erstaunliche, und das liefert wohl die Begründung für das, was Sie meinen Erfolg nennen. Aber sehen wir die Dinge aus der Nähe an: Wenn man von einem philosophischen Buch knapp 40.000 Exemplare verkauft, wie es zum Beispiel bei meinem vorletzten Buch Zorn und Zeit der Fall war, ist es zwar nach den Kriterien des …